Gemeinsam stärker: Ein wegweisender Rückblick auf das EMR Forum 2026

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Felix Schneuwly, Urs Arbter, Silvia Schmid, Urs Martin, Michael Willer. Foto: Zlatko Mićić


Der Markt im Wandel: Demografischer Druck und Professionalisierung

Den Auftakt des EMR Forums 2026 machten Alexander Keberle, VR-Präsident Eskamed AG, und Michael Willer, Geschäftsführer Eskamed AG / EMR, mit einer Analyse der Marktentwicklung: Die Erfahrungsmedizin blickt auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte der Professionalisierung zurück – von den Anfängen strukturierter Berufsbilder bis hin zur Etablierung einheitlicher Tarifsysteme. Doch der Markt stösst an Grenzen, wie die Verantwortlichen des EMR aufzeigten. Das Wachstum verliert spürbar an Dynamik, und die Branche steht vor einer doppelten Herausforderung:

  • Einerseits drückt die demografische Schere. Ein Viertel der EMR-zertifizierten Therapeutinnen und Therapeuten ist über 60 Jahre alt und steuert auf den Ruhestand zu. Ein akuter Nachwuchsmangel droht die langfristige Versorgung zu gefährden.
  • Andererseits wandeln sich die Bildungswege: Der Trend geht unaufhaltsam weg von reinen Einzelmethoden hin zu umfassenden, höheren Abschlüssen und eidgenössischen Diplomen. Diese Qualitätssteigerung ist erfreulich, erhöht jedoch auch die Eintrittshürden. 

Perspektivenwechsel: Zusatzversicherung als Heimat der Innovation

Wie eine nachhaltige Absicherung im Gesundheitssystem gelingen kann, beleuchtete Urs Arbter, Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbands (SVV). Im Kern geht es um die feine Balance zwischen der stark staatlich regulierten Grundversicherung und der freiheitlicheren Zusatzversicherung. Während die steigenden Grundversicherungsprämien die Kaufkraft der Bevölkerung zunehmend abschöpfen, bleibt die Zusatzversicherung der eigentliche Innovationsmotor und die natürliche Heimat für Therapeutinnen und Therapeuten in der Erfahrungsmedizin. Nur hier geniessen Patientinnen und Patienten die Flexibilität und Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Versicherungsangeboten. .

Urs Arbters Fazit: Ein funktionierender Markt lebt von Angebotsvielfalt und gesundem Wettbewerb – doch die absolute Basis dafür sind höchste Qualitätsstandards auf allen Ebenen sowie eine enge, transparente Zusammenarbeit. 

Die Stimme der Praxis: Multitasking mit Herz und Verstand

Aus der täglichen Praxis berichtete die Naturheilpraktikerin und Komplementärtherapeutin Silvia Schmid eindrücklich, was es heute bedeutet, eine eigenständige Praxis zu führen: Der therapeutische Alltag verlangt, den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen, Ursachen und Symptome wie Puzzleteile zusammenzufügen und Patienten Alltagskompetenzen für ihre Gesundheit mitzugeben. Und als selbstständige Einzelunternehmerin ist man gleichzeitig Reinigungskraft, Marketingchefin, Geschäftsführerin und Therapeutin in Personalunion.

Angesichts der hohen zeitlichen und finanziellen Hürden der qualifizierten Ausbildung braucht es ein Höchstmass an Eigenmotivation. Umso dringlicher ist die Forderung von Silvia Schmid, die eidgenössischen Abschlüsse in der Öffentlichkeit und bei den Patienten noch wesentlich bekannter zu machen, um dem Berufsbild den Stellenwert zu geben, den es verdient. 

Regulierung vs. Freiheit: Der schmale Grat der Patientensicherheit

Im politischen Diskurs am EMR Forum wurden unterschiedliche ordnungspolitische Perspektiven sichtbar. Urs Martin, Gesundheitsdirektor des Kantons Thurgau, begründete regulative Eingriffe und Gesetzesrevisionen dezidiert mit dem Patientenschutz. Es gelte, klare gesetzliche Leitplanken zu setzen, um Scharlatanerie und Missbrauch konsequent einzudämmen. Dass die kantonale Regulierung in der Schweiz oft einem Flickenteppich gleicht, macht die Aufgabe für die Akteure nicht einfacher.

Demgegenüber forderte Felix Schneuwly, Head of Public Affairs bei comparis.ch, pointiert mehr Markt und Eigenverantwortung: Das persönliche Verhalten und die allgemeine Gesundheitskompetenz prägen unser Wohlbefinden weitaus nachhaltiger als die reine Reparaturmedizin. Statt zusätzlicher Regulierung brauche es verlässliche, transparente Qualitätsindikatoren, damit mündige Konsumenten selbstbestimmt entscheiden können. 

Podiumsdiskussion: Der unersetzbare Faktor Mensch im KI-Zeitalter

Die anschliessende, lebhafte Podiumsdiskussion brachte die Kernfragen auf den Punkt. Ob es um die Gratwanderung bei der Finanzierung von Prävention, die Herausforderungen einheitlicher Honorare oder die künftige Rolle der Digitalisierung ging: Die Debatte von Felix Schneuwly, Silvia Schmid, Urs Arbter und Urs Martin, die von Michael Willer moderiert wurde, spiegelte die Komplexität des Systems wider.

Einig war sich die Runde jedoch beim Blick auf den Megatrend der Digitalisierung: Künstliche Intelligenz wird die menschlichen Therapeutinnen und Therapeuten niemals ersetzen. Im Gegenteil: Je digitaler unsere Welt wird, desto wertvoller und gefragter wird der echte, empathische und menschliche Kontakt. Es braucht kompetente Fachpersonen als emotionale Brückenbauer. 

Das wichtigste Take-away: Nur gemeinsam bewegen wir die Zukunft

Die stärkste Botschaft des EMR Forums lautet: Nur gemeinsam lässt sich etwas bewegen. Weder der Staat noch Versicherer oder Verbände können die Herausforderungen isoliert bewältigen.

Michael Willer brachte es in seinem Schlusswort auf den Punkt: Die Erfahrungsmedizin ist in der Schweiz aktuell sehr «kleinteilig» organisiert. Um politisch und gesellschaftlich das notwendige Gewicht zu erlangen, muss sich die Branche enger verbünden, starke Allianzen schmieden und interdisziplinäre Zusammenarbeit verankern. Die Hürden im System und der demografische Druck sind real – doch das Vertrauen der Menschen in die Erfahrungsmedizin ist ein unschätzbares Fundament.